Hybrid-Vollverstärker

Vincent SV-700 im Test

2.10.2014 von Stefan Schickedanz

Wer viel Leistung benötigt, schaut bei Tube-Amps gewöhnlich in die Röhre. Mit seiner Hybrid-Lösung will Vincent die Vorzüge beider Welten vereinen. Liegt darin die Würze für Klang-Gourmets?

ca. 4:30 Min
Testbericht
VG Wort Pixel
VINCENT SV-700
VINCENT SV-700
© Sintron

Pro

  • Schöne Klangfarben
  • satte Bässe und hohe Leistungsreserven

Contra

  • Übertreibt es mit manchen Boxen im Bass

Fazit

Mit dem SV-700 schuf Vincent eine Universallösung für alle, die runden Röhrenklang ohne Ecken und Kanten wollen. Die aber andererseits keinen Verzicht in Sachen Leistung und Kontrolle üben möchten. Mit dem Hybrid lassen sich störrische Boxen bezwingen und hohe Lautstärken erzielen. Durch die neuen Anschlussmöglichkeiten ist er flexibler als der Vorgänger. Und das Finish ist für's Geld schier genial. Investieren Sie also ruhig in Edelmetall.

Der Vincent SV-800 zählte zu den Geräten, die um ihren Röhren-Einsatz einerseits nicht viel Theater machten, andererseits diese Bauteile auch nicht nur als reine Würzbeigabe in den Signalweg legten. An der klanglichen Zielsetzung änderte sich nichts, doch der Nachfolger SV-700 setzt einen seiner sieben Glimmkolben demonstrativ in Szene.

Durch ein eigenes Bullauge auf der massiven Alufront des Vincent SV-700 fällt der Blick auf die zentral an der Stirnseite des Netzteils untergebrachte Zweiwege-Gleichrichter-Röhre 6Z4. Doch solche netten Show-Effekte, die wegen des durchdachten Aufbaus nicht zu unnötig langen Signalwegen führen, sind nicht die einzige Veränderung. Der neue Vincent SV-700 trägt auch praktischen Erwägungen Rechnung. In der komplett neuen Vorstufen-Sektion gibt es jetzt eine Digital-Abteilung, die S/PDIF-Signale via Lichtleiter oder Koaxial-Eingang entgegennimmt.

Doch gilt es, eine Beschneidung beziehungsweise Umgruppierung bei den Analog-Anschlüssen hinzunehmen. Statt bisher fünf Cinch-Eingängen gibt es nur noch drei. Dafür bekam der Vincent SV-700 neben seinem Tape-Ausgang einen geregelten Vorverstärkerausgang, um Upgrades durch separate Endstufen zu ermöglichen.

Unverändert bleibt es bei einem symmetrischen XLR-Eingang. Und auch der ist wie die Röhren keinesfalls ein reines Posing-Feature - denn der Vincent SV-700 ist wie sein Vorgänger von vorne bis hinten symmetrisch aufgebaut, hat also pro Kanal zwei voll komplementäre Verstärkerzüge. In diesem Aufbau löschen sich eventuelle Einstreuungen und auch ein Teil des Verstärker-Klirrs bei der finalen Addition gegenseitig aus.

Entsprechend groß ist der Aufwand in der Röhrenvorstufe. Die ist nicht mehr nach dem SEPP-Prinzip (Single Ended Push Pull) mit je zwei 12AX7 und 12AU7 pro Kanal aufgebaut, sondern nach dem SRPP-Prinzip (Shunt Regulated Push Pull) mit je einer 12AX7 als Stromquelle für je zwei 12AU7. Vom veränderten Schaltungsprinzip versprechen sich die Entwickler Vorteile im Mittel-Hochtonbereich. Unangetastet blieb die symmetrisch angesteuerte Brückenendstufe mit ihren stromstarken Toshiba-Transistoren, die allerdings von einer modifizierten Treiberstufe angesteuert wird.

Die Versorgung obliegt wie bisher einem insgesamt 80.000 μF großen Spannungsreservoir, das ein mächtiger Ringkerntrafo zuverlässig nachfüllt. Ein "Class A"-Schalter unten links an der Front verdreifacht den Ruhestrom, der durch die Endstufe fließt und verringert damit den Klirr erheblich. Aber selbst im sparsameren AB-Betrieb ist die Leistungsstufe so sauber, dass die Vincent- Entwickler auf jegliche Über-Alles- Gegenkopplung verzichtet haben.

VINCENT SV-700
KONSEQUENT: Für kurze Schaltungswege verlegten die Entwickler die komplette Vorstufensektion samt Lautstärke-Potentiometer nach hinten zu den Eingängen.
© Sintron

Klanglich bot der SV-700 der Hybrid tatsächlich eine bemerkenswerte Agilität undverband das Beste aus beiden Welten: satte Klangfarben und Spielfluss, wie man ihn von der Röhre kennt, Kraft und Kontrolle wie ein Transistor. Diese wohldosierte Mischung machte es schwer, Ecken oder Kanten zu finden. Wer sich einfach gerne in die Musik hineinziehen und mit dem Rhythmus treiben lässt, findet in dem Edel-Vincent einen Freund fürs Leben.

Wer es besonders filigran, luftig oder analytisch mag, dem dürfte das Schwergewicht womöglich etwas zu hemdsärmelig sein: Statt sich lange mit dem Herausarbeiten subtilster Nuancen aufzuhalten - etwa bei Studio-Stimmen auch noch die Brezel-Krümel im Mundwinkel abzubilden -, machte der Vincent lieber Stimmung: mit Drive, großer, stabiler Bühne und beachtlicher Impulspräzision.

Im Bass drückte er stark auf die Tube, dass Lautsprecher wie die Magnat Quantum 1009 aus dem aktuellen Heft sich den Vorwurf der Übertreibung gefallen lassen mussten. Boxen mit besonders prägnanter Tieftonwiedergabe sollte man also eher nicht mit dem SV-700 kombinieren. Das ist aber die einzige Einschränkung bei der Partnerwahl.

Der Vincent spielte symmetrisch mit der Quelle verbunden übrigens ein ganzes Stück filigraner. Allerdings nicht so fein ziseliert wie reine Röhren-Amps der Referenzklasse. Gegenüber einem Cayin CS- 55A (12/13, 105 Punkte) etwa konnte er sich zwar in punkto Attacke, Abbildung und Stabilität des Klangbildes klar durchsetzen.

VINCENT SV-700
NEU-ORDNUNG: Weniger Analog-Eingänge (drei Cinch, ein XLR) gegenüber dem Vorgänger verheißen mehr Flexibilität. Der SV-700 hat einen Cinch-Vorverstärker-Ausgang sowie zwei Digital-Eingänge.
© Sintron

Auch die Bühne war eine halbe Nummer größer. Allerdings war der Cayin etwas feiner, wenn es darum ging, die letzten Nuancen der Stimme von Mark Knopfler auf dem HD-Version von "Privateering" hervorzubringen - sogar ohne den Vorteil einer symmetrischen Verkabelung mit dem Netzwerkspieler Linn Klimax DS/1.

Insgesamt überzeugte der Vincent durch einen sehr ausgewogenen Klang und eine große Spielfreude. Dabei behielt er die Lautsprecher an der kurzen Leine und kontrollierte die Chassis in Transistor-Manier, während der Cayin da etwas unaufgeräumter agierte. Auf der anderen Seite konnte er im eigenen Transistor-Lager mit der Kontrolle eines Musical Fidelity M6i (AUDIO 8/10, 110 Punkte) locker mithalten. Die Darbietung des Vincent wirkte etwas plastischer, während der Brite minimal mehr musikalische Feinheiten zu Gehör brachte.

Das Umschalten auf Class-A-Betrieb steigerte beim SV-700 allerdings die feinen Nuancen nochmal, machte sich aber nicht annähernd so bemerkbar wie der Unterschied zwischen symmetrischer und asymmetrischer Verkabelung. Wer alles aus dem Amp herauskitzeln will, der sollte ihn möglichst mit XLR-Kabeln an einer symmetrischen Quelle betreiben. Der Digital-Eingang des Vincent machte einen ordentlichen Job. Er veränderte nichts am Klangcharakter des schweren Verstärkers und bewahrte die Klangfarben.

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Dennoch klang der Vincent über den Digital-Eingang nicht ganz so fein wie über seine Analog-Eingänge. Die Stimme neigt dann etwas zur Kühle und es geht etwas Flair verloren. Wer einen CD-Player jenseits der 1000-Euro-Klasse besitzt, der wird mit dem Wandler des Vincent nicht unbedingt in höhere Sphären abheben. Für einfache CD-Player oder den Sat-Receiver ist die integrierte Lösung jedoch durchaus eine attraktive Zugabe zu einem ohnehin famosen Boliden unter den Hybriden. Perfekt für Gourmets und Gourmands.

 

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