Handy-Reparatur selbst durchführen
iFixit - Handy reparieren statt entsorgen
Das kaputte Handy selbst reparieren? Hilfe zur Selbsthilfe leistet die US-Firma iFixit mit Zubehör, Werkzeug und praktischen Anleitungen. Wir haben iFixit in deren Europazentrale in Stuttgart besucht.

Reparieren statt Entsorgen: Langsam formiert sich Widerstand gegen die Elektroschrottberge, verstärkt durch Firmen wie iFixit ("Ich reparier's"): Die Amerikaner vertreiben nicht nur Ersatzteile für Smartphones, Tablets, Notebooks und Spielkonsolen, sie liefern auch das Spezialwerkzeug für die Heimreparatur.
"Diesen Service bieten natürlich auch andere Unternehmen. Das Besondere an unserem Konzept ist, dass hinter iFixit eine Reparatur-Community mit über 100 000 aktiven Mitgliedern steht, die für jedermann verständliche Reparaturanleitungen verfassen und sich gegenseitig helfen", so Matthias Mayer, der gemeinsam mit Matthias Huisken die neue europäische iFixit-Tochter leitet, die von Stuttgart aus 30 Länder beliefert. Ein markig formuliertes "Manifest der Selbstreparierer" unterstreicht die Mission der Firma: "Reparieren ist besser als recyceln!"
"Wir wollen Menschen helfen, ihre Geräte selbst zu reparieren und länger Freude an ihnen zu haben. Das ist einfacher, als viele Leute denken"
Matthias Mayer
Die Angst vor der Reparatur nehmen
Zunächst will iFixit den Konsumenten "ihre Angst vor dem Auseinandernehmen der smarten Heiligtümer nehmen, bei denen oft nur der Akku ersetzt werden muss, um ihre Lebenszeit mindestens zu verdoppeln", erklärt Mayer. Solche Teile hält iFixit für die meisten populären Handys bereit. "Unser iPhone-4S-Kit mit Tauschbatterie und Werkzeug kostet rund 30 Euro. Die Reparatur schaffen selbst Laien in 15 Minuten." Der Tüftler, der schon als Halbwüchsiger seinem Vater bei Reparaturen zur Hand ging, hat bei seinem iPhone 4 neben dem zerkratzten Display auch den schwächelnden Home-Button ersetzt.

Zur Reparatur verunglückter iPads werden der Kundschaft ungewöhnliche Helfer wie eine mit Leinsamen gefüllte Stoffrolle angedient: Nach einer Minute in der Mikrowelle hat der "i-Opener" genau die richtige Temperatur, um den servicefeindlich verklebten Bildschirm des Apfel- Tablets zu lösen. iFixit-Gründer Kyle Wiens und seine deutschen Statthalter liegen mit ihrem ökologisch angehauchten Geschäftsmodell voll im Trend. Huisken: "Wir stehen vor einer Renaissance der Reparaturkultur. Das Unbehagen, durch ungezügelten Konsum Unmengen an schwer recycelbarem Abfall zu produzieren, zieht Kreise." Tatsächlich existieren in Deutschland bereits mehr als 1000 Reparaturcafes, die Profis und Normalos zusammenbringen, um defekte Elektrogeräte wieder fit zu machen.
Sparen, Umwelt schonen, Industrie ärgern
Die Gründe für das wachsende Interesse an der Nachhaltigkeit sind vielfältig. Die einen wollen schlichtweg Geld sparen, andere die Welt ein bisschen besser machen - und einige möchten der Industrie die rote Karte zeigen, weil sie im Verdacht steht, viele ihrer Produkte mit einem kühl kalkulierten Verfallsdatum (im Fachjargon: geplante Obsoleszenz) in den Handel zu bringen.

Der Handyabsatz brummt trotzdem: 2013 wurde weltweit erstmals mehr als eine Milliarde Mobiltelefone verkauft; in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder den USA fast ausschließlich als Ersatz für ausrangierte Geräte, denn diese Märkte gelten bereits als weitgehend gesättigt.
Kein Wunder, dass die Industrie den Reparaturdienstleistern mit Argwohn begegnet. Wenn sich Apple vom amerikanischen iFixit-Chef Wiens vorwerfen lassen muss, die Reparatur der Bestseller iPhone und iPad gezielt zu erschweren, ist das Medienecho gewaltig - die Reaktion aus Cupertino aber nur eisiges Schweigen.

iFixit benotet Reparaturfreundlichkeit von Tablets und Smartphones
Vor diesem Strip zittern viele Elektronikhersteller, während sich die Konkurrenz die Hände reibt, bevor sie womöglich selbst zum nächsten Teardown antreten muss: Die Demontage bei iFixit bringt schonungslos ans Licht, welche Bauteile in einem Smartphone, Tablet oder Notebook stecken, auch wenn Apple, Samsung und Co ihre Zutatenlisten lieber geheimhalten würden. So erfährt nicht nur der Konsument, was im Vergleich zum Vorgänger unter der Haube verändert wurde, sondern auch die Konkurrenz - beispielsweise beim iPhone 5s (Bild unten).

Das Hauptaugenmerk der Amerikaner liegt auf der Reparaturfreundlichkeit der Geräte, die von iFixit mit maximal zehn Punkten bewertet wird. Diese Höchstpunktzahl erreicht momentan aber weder ein Smartphone noch ein Tablet. Von den Modellen, die auch in Europa erhältlich sind, stehen bei den Smartphones fünf Samsung-Geräte sowie das Google Nexus 5, das etwas betagte Nokia N8 und das Blackberry Z10 an der Spitze (alle acht Punkte). Bei den Tablets führt das Dell XPS 10 mit neun Punkten vor den Amazon-Modellen Kindle Fire und Kindle Fire HD (2013), dem Samsung Galaxy Tab 2 7.0 und dem Motorola Xoom (jeweils acht Zähler).
Viele Bestseller werden aber wesentlich schlechter bewertet, darunter die gesamte Apple-Palette. So rügt iFixit beim iPhone 5s, dass zum Öffnen ein Spezialschraubendreher benötigt wird und der Akku im Gehäuse verklebt ist: sechs Punkte. Noch ungünstiger fällt das Urteil über das iPad Air aus: Extensive Klebeverbindungen machen Reparaturen fast unmöglich; beim Auseinanderbauen droht das Displayglas zu zerbrechen - zwei Punkte.
Ähnliches gilt für das neue HTC-Flaggschiff One M8 (auch nur zwei Punkte). Klar besser schneiden mit acht Punkten die Samsung-Galaxy-Modelle S4, S3 und Note 2 ab. Hier loben die Experten neben dem einfachen Akkutausch das problemlose Öffnen der Geräte, um an defekte Komponenten heranzukommen.

Reparatur-Wiki für alle
Matthias Mayer glaubt jedoch, dass die gesamte Branche schon bald das Potenzial des Themas Nachhaltigkeit erkennen wird. Ein Trendsetter ist hier der Outdoor-Spezialist Patagonia, der schon heute seinen Kunden zeigt, wie sie defekte Jacken reparieren können.
Bei iFixit soll es noch im Jahr 2014 die gefragtesten Anleitungen auf Deutsch geben. "Jeder kann beim Ausbau unserer Plattform mithelfen", ermuntert Matthias Huiskens. Langfristig verfolgt iFixit sogar ein noch viel ehrgeizigeres Ziel: "Wir wollen die Wikipedia der Do-it-yourself-Reparatur werden - vom Smartphone bis zum Auto!"
