Kamera der Zukunft

Nokia 9 PureView im Test

Das Nokia 9 PureView bereichert die Smartphone-Welt mit einem zukunftsweisenden Kamerakonzept. Leider scheitert die Umsetzung. Bleibt die Hoffnung auf ein Software-Update – denn der Rest gefällt. Lesen Sie hierzu unseren Test.

Nokia 9 Pureview im Test

© Nokia

Nokia 9 Pureview im Test

Pro

  • kompakt und leicht in der Hand
  • Hingucker-Design und wertige Haptik
  • OLED mit exzellenter Darstellung
  • zukunftsweisendes Kamerakonzept mit fünf Optiken
  • Fingerabdrucksensor im Display
  • Dual-SIM
  • modernes System mit garantierten Updates für drei Jahre

Contra

  • keine Speichererweiterung
  • Kamera bleibt unter ihren Möglichkeiten
  • Klinkenbuchse fehlt

Fazit

connect-Testurteil: gut (393 von 500 Punkten)
78,6%

Gerüchte über ein High-End-Smartphone von Nokia mit revolutionärer Zeiss-Kamera kamen bereits Mitte Juli 2017 auf. Damals hatte HMD, das Unternehmen hinter Nokia, angekündigt, bei seinen neuen Android-Smartphones wieder mit dem Optik-Spezialisten zusammenzuarbeiten. Wenn sich zwei traditionsreiche Marken verbünden, weckt dies große Erwartungen – vor allem, wenn sie gemeinsam auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken können. 

Viele erinnern sich gerne an die „alten Zeiten“, als Nokia noch Symbian-Phones baute, deren Zeiss-Optik auf der Rückseite für feinste Bildqualität stand. Das legendäre 40-Megapixel-Phone 808 Pureview, das Anfang 2012 vorgestellt wurde, markierte den Gipfelpunkt dieser Zusammenarbeit – und den Anfang vom Ende Nokias, denn es war das letzte Symbian-Phone der Finnen.

Angenehm leicht und kompakt

Das neue PureView tritt also in große Fußstapfen. Auf den ersten Blick füllt es die locker aus. Das Ensemble aus sieben ringförmig auf der Rückseite eingelassenen Öffnungen für das Kamerasystem ist ein Hingucker und wird in geselliger Runde schnell zum Gesprächsstoff. 

Mit diesem Smartphone schindet man auch deshalb Eindruck, weil das Design stimmig ist. Das Gehäuse mit einem Rahmen aus extrahartem 7000er-Aluminium und einer Rückseite aus Gorilla-Glas 5 fühlt sich hochwertig an und ist perfekt verarbeitet. Uns hat das Gewicht von 172 Gramm angenehm überrascht. Damit liegt das Phone leicht in der Hand, ist aber noch schwer genug, um die edle Haptik zu unterstreichen. 

Stark: Das Gehäuse ist nach IP67 zertifiziert und verträgt damit auch einen kurzen Tauchgang (in Süßwasser). Am stärksten beeindruckt hat uns aber die Tatsache, dass es HMD gelungen ist, die Kamera-Phalanx plan in das acht Millimeter dünne Gehäuse zu versenken. Es gibt nur ganz wenige Kamera-Smartphones mit einer glatten Rückseite.

Nokia 9 Pureview im Test

© Screenshot & Montage: connect

Das Kamera-Einstellungsmenü mit seiner schlichten Optik steht stellvertretend für eine wenig gelungene Oberfläche. Hier wurde Potenzial verschenkt.

Nokia 9 PureView - Gutes Ausstattungspaket

Beim 6 Zoll großen Display fehlt eine „Notch“ für die Kamera, was schlicht daran liegt, dass die Darstellung nicht bis an den Rand reicht. Während bei anderen Phones in dieser Preisklasse die komplette Frontseite aus Display besteht, bleiben beim Pureview überall Streifen, die oben und unten recht breit ausfallen.

Die Darstellungsqualität erfüllt aber modernste Anforderungen, sowohl die Leuchtkraft als auch die Kontrastdarstellung sind Spitzenklasse. Die Auflösung ist mit 2560 x 1440 sehr fein. Dass unter dem Display nicht Qualcomms allerneuester Top-Chipsatz Snapdragon 855 werkelt, sondern das 2018er-Modell 845, halten wir nicht für einen Beinbruch, zumal der Arbeitsspeicher mit 6 GB üppig ausfällt. 

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Bis auf die lange Berechnungszeit beim Abspeichern eines Fotos mit aktivierter Tiefenkarte läuft das System in jeder Situation flüssig. Der interne Speicher ist nicht erweiterbar, hat mit 128 GB aber eine angemessene Größe. Zudem hat Nokia an einen zweiten Steckplatz für eine SIM-Karte gedacht. 

Der Fingerabdrucksensor ist direkt im Display integriert, dabei handelt es sich um eine optische Abtastung, so wie sie auch von Huawei verwendet wird. Die Erkennungsrate reicht nicht an das Niveau eines klassischen Sensors heran, wenn man parallel die ebenfalls integrierte Gesichts erkennung aktiviert, ergeben sich aber keine spürbaren Einschränkungen im Alltag. 

Anders sieht es im Audiobereich aus. Eine Klinkenbuchse fehlt, und wenn man über Lautsprecher hört, muss der nach unten abstrahlende Mono-Speaker reichen. Die Ausgangsspannung über Klinke ist mit 869 mV dafür sehr hoch, hochwertige Kopfhörer können ihr volles Potenzial entfalten – ein Klinkenadapter gehört zum Lieferumfang. Auch kabellose Kopfhörer klingen richtig gut, da sie per Bluetooth 5 und aptX-Erweiterung gekoppelt werden.

Android ohne Schnickschnack

Das zweite große Alleinstellungsmerkmal neben der Kamera ist das Betriebssystem. Auf dem Nokia 9 ist Android 9 installiert, und zwar in der Version, die Google veröffentlicht hat. Es gibt keine Modifikationen, auch die Kamerasoftware ist in enger Abstimmung mit Google entwickelt worden. Der Nutzer kann sich über ein pfeilschnelles System ohne Ballast freuen, das immer rasch mit Updates versorgt wird. 

Wie alle Nokia-Phones gehört auch das 9er zu Googles Android-One-Initiative. Die garantiert Sicherheitspatches über drei Jahre und große Versionsupdates über zwei Jahre. Im Android-Universum genießen nur Googles Pixel-Phones einen besseren Software-Support. Ein Haken ist damit allerdings verbunden: Extras oder Features, mit denen Samsung oder Huawei ihre Phones anreichern (etwa Samsungs Bixby), fehlen.

Nokia 9 Pureview im Test - Kamera

© Nokia

Die Penta-Optik bleibt hinter den Erwartungen – ein Software-Update kann hoffentlich Abhilfe schaffen.

Nokia 9 PureView - Kamera

Die Penta-Optik bleibt hinter den Erwartungen – ein Software-Update kann hoffentlich Abhilfe schaffen.

Das Kamerasystem setzt sich zusammen aus drei Monochrom- und zwei Farbsensoren, allesamt mit 12 Megapixeln und der gleichen Smartphonetypischen Weitwinkel-Brennweite. Hinzu kommen ein Dual-LED-Blitzlicht und ein TOF-Sensor, der den Autofokus unterstützt. 

Wenn man ein Foto schießt, sind alle fünf Bildsensoren aktiv, per Software wird dann das Bild zusammengerechnet. Mit dem Smartphone geknipste Fotos sind zudem immer 12 Megapixel groß, eine höhere Auflösung ist nicht vorgesehen, obwohl sie theoretisch möglich wäre. 

Die vielen von den Sensoren gesammelten Bildinformationen werden stattdessen genutzt, um eine besonders detaillierte Tiefenkarte des Raumes zu erstellen. Auf Fotos ist es möglich, nachträglich den Fokuspunkt zu verschieben. Das können praktisch alle Hersteller, Stichwort Bokeh, aber beim Pureview ermöglicht die Anordnung der Linsen deutlich mehr Ebenen für die Schärfentiefe, der Fokus sollte sich daher präziser verschieben lassen. 

Anders gesagt: Während man bei Huawei oder Samsung die Wahl hat, entweder die Person im Vordergrund oder die Wand im Hintergrund zu fokussieren, kann man beim Pureview auch die Objekte anvisieren, die sich dazwischen befinden: Stuhl, Tisch et cetera. Laut Nokia wird der Raum im Abstand zwischen 7 Zentimetern und 40 Metern zum Objektiv in mehrere Hundert Ebenen unterteilt.

Nokia 9 Pureview im Test - Kamera Screenshot

© Screenshot & Montage: connect

Über das Symbol mit den drei gestaffelten Flächen (das vierte von unten links) kann man die Tiefenkarte per Fingertipp aktivieren oder deaktivieren.

Ein zweiter großer Vorteil der Fünfer-Optik betrifft die HDR-Technologie: Während „normale“ Smartphone-Kameras HDR fotografieren, indem der Sensor mehrere Bilder hintereinander macht, können fünf Sensoren mehrere Bilder zum gleichen Zeitpunkt knipsen. Das reduziert die Bewegungsunschärfe tatsächlich effektiv, wie unsere Tests zeigen. 

Davon abgesehen bleibt die PureView-Kamera aber weit unter ihren Möglichkeiten. Die Fotoqualität bei wenig Licht ist enttäuschend, selbst bei gutem Licht gibt es häufiger Ausreißer nach unten. Nokia realisiert zudem weder einen höheren Dynamikumfang noch einen speziellen Nachtmodus. Einzig die detaillierte Tiefenkarte zeigt ansatzweise, wozu dieses Konzept theoretisch in der Lage ist: Objekte in einem Foto lassen sich differenzierter freistellen als mit jedem anderen High-End-Phone. 

Die Kamerasoftware überzeugt ebenfalls nicht, Darstellung und Menüführung könnten ein großes Update vertragen. Die Bearbeitungsmöglichkeit für die Tiefenkarte etwa versteckt sich in Google Fotos hinter einer verschachtelten Menü struktur und erfordert Fingerspitzengefühl beim Setzen des Fokus. 

In unserem Test wurde sie zudem nicht geräteübergreifend synchronisiert, sodass die Bearbeitung auf einem Tablet, das dank größerem Bildschirm das bessere Werkzeug wäre, verwehrt blieb.

Weder Höhenflug noch Absturz

Aus unserem Testlabor kommen gute Nachrichten. Die gemessene Akkulaufzeit von 8:20 Stunden ist auf dem Preisniveau jenseits der 600 Euro gutes Mittelmaß, durch den Tag kommt man damit auch als Intensivnutzer problemlos. 

Ein 18-Watt-Schnellladenetzteil gehört zum Lieferumfang, man kann das Smartphone außerdem drahtlos via Qi auftanken. Die Funkeigenschaften sind durch die Bank gut, auch die Akustik beim Telefonieren kann sich sehen lassen. Wenn jetzt noch die Kamera per Software-Update nachzieht, kann alles gut werden.

Testsiegel connect gut

© WEKA Media Publishing GmbH

Testsiegel connect gut

Fazit

Was für eine Enttäuschung! Nokia und Zeiss können die Erwartungen nicht erfüllen. Das liegt aber auch daran, dass diese extrem hoch waren. Wenn man den Hype beiseite lässt, handelt es sich um ein attraktives Gesamtpaket. Die technische Ausstattung ist für ein Smartphone in dieser Preisklasse sehr gut, das Display ist sogar Spitzenklasse. 

Auch das hochwertige Gehäuse schindet Eindruck. Das innovative Kamerakonzept werden wir auf Smartphones künftig öfter sehen. Es bietet unter anderem den Vorteil, dass der Hersteller viel über Software nachliefern kann. Mit dem nächsten großen Update wird hoffentlich alles besser.

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