High-End-Plattenspieler

L'Art du Son by Garrard Transcription Reference im Test

Wieviel darf ein Plattenspieler kosten? Martina Schöner von L'Art Du Son hat sich bei ihrem Garrard-Meisterwerk Transcription Reference darüber keine Gedanken gemacht, sondern nur ein Ziel verfolgt: ein Gesamtpaket, das das Thema Analogklang für immer und ewig abhakt.

Plattenspieler Garrarrd

© Garrard

L'Art du Son by Garrard Transcription Reference

Pro

  • gigantische Dynamik
  • völlige Transparenz
  • packendes Tempo

Contra

  • leider teuer
Hervorragend

Warum gibt es so wenige Frauen in der HiFi-Industrie? Vielleicht weil in unserer Gesellschaft vor allem Männer dazu neigen, sich mit Haut und Haaren und jenseits jeglicher Vernunft irgendeinem global völlig unbedeutenden Hobby zu verschreiben. Zwischen moderner, professioneller Distanz und zynischem "was bringt mir das?" kann man in der HiFi-Branche ein paar gar nicht mal kleine Rädchen drehen, einen Trend mitreiten und auch mal diese oder jene Palette mit Ware verschieben. Aber die großen, historischen Durchbrüche bleiben jenen vorbehalten, die dem Thema bis über beide Ohren verfallen sind.

Leuten wie Martina Schöner also. Die Freiburgerin verbringt gefühlte 300 Tage im Jahr auf Achse und mäandert dabei nach einem geheimnisvollen Muster über alle befahrbaren Straßen Europas. Entlang ihrer jährlich locker sechsstelligen Reisestrecke liegen große und kleinere Messen, Besuche bei Kunden und Händlern, Treffen mit Freunden, Verbündeten und Geschäftspartnern, hin und wieder auch mal eine Redaktion.

Da wird ein Spieler, der leihweise am Ort X stand, temporär zum Ort Y verbracht und unterwegs bei dem Spezialbetrieb haltgemacht, der es besser als alle bisherigen versteht, Motorwellen feinzuwuchten. Oder der sich im Stande sieht, auf Zuruf zentnerweise Edelstahl in einer exotischen, besonders Fräswerkzeug-unfreundlichen Legierung zu zerspanen, um mal wieder ein einzelnes Laufwerks- Chassis herzustellen.

Reibrad-Plattenspieler

Was Schöner mit ihrer Firma L'Art du Son und als deutsche Statthalterin der englischen Garrard-Spezialisten Loricraft nämlich versucht, ist nichts Geringeres als die Perfektionierung eines uralten, zeitweise komplett ausgestorbenen Plattenspieler- Prinzips - die späte Vollendung des Reibrad-Spielers.

Letzterer ist bedeutend besser als sein Ruf: Weil zwischen Motor und Teller hier kein elastischer, schlupfbehafteter Riemen herumhängt, sondern ein griffiges Hartgummi-Rad die Kraft weiterleitet, ist die Antriebskraft eines Reibradlers deutlich direkter angekoppelt, was bei korrekter Motorsteuerung eine hervorragende dynamische Gleichlaufstabilität ergibt. Sprich: Auch ohne zentnerschwere Teller (die ihre ganz eigenen Probleme mitbringen) ist so ein Spieler vorbildlich stabil gegenüber modulationsabhängigen, durch die musikabhängig variierende Rillenreibung bedingten Bremseffekten.

Garrard Reibrad

© Garrard

Das rubingelagerte Reibrad vermittelt zwischen der 5mm starken Motorwelle und der Innenseite des (hier abgenommenen) Tellers. Das resultierende Drehmoment ist enorm.

Diese sind zwar sehr klein (und es gibt auch kein Messverfaren dafür), korrelieren dafür jedoch im Gegensatz zu anderen Gleichlaufstörungen direkt mit dem Musiksignal. Auf solche Korrelationen reagiert das Gehör extrem sensibel, und echte Reibrad-Fans nehmen, um sie zu reduzieren, häufig eine gute Dosis jener anderen Störungen in Kauf, die normalerweise zu den Schattenseiten des Reibrads gehören: Was immer an Motor und Reibrad an Nebengeräuschen entsteht - was immer dort rattert, rumpelt, summt und brummt, wird ebenso gnadenlos an den Teller weitergegeben wie die erwünschte Vortriebskraft.

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Das kann auch Martina Schöner nicht ändern. Aber es gibt einen Ausweg: Reibradspieler verbessert man nicht, indem man den Motor entkoppelt. Auch nicht, indem man den Motor kleiner und schwächer macht, damit er weniger stört. Man verbessert sie, indem man ihnen einen perfekten Motor baut. Ein Triebwerk mit massig Drehmoment, das aber absolut vibrationsfrei läuft - wenn es sein muss, jahrzehntelang.

Basis: Garrard 501

Das Projekt Transcription Reference nahm seinen Anfang bei den sagenumwobenen Garrard-Studiolaufwerken 301 und 401, die ihre Teller auch nach 60 Jahren noch zuverlässig drehen, irgendwann aber dann doch mal einen qualifizierten Service brauchen. Auf diesen Job hatte sich die englische Firma Loricraft spezialisiert, die neben klassischen Inspektionen zunehmend auch Aufträge für "besser als neu"-Edelrestaurationen bekam. Irgendwann hatte der Perfektionismus - und offenbar auch das Budget, das die Fans auszugeben bereit waren - einen Punkt erreicht, der eine komplette Neukonstruktion erforderte.

Und so fügte Loricraft der Garrard-Evolution nach jahrzehntelanger Pause eine neue Stufe hinzu: den 501 - nach seinem Test im Jahr 2005 das erste und bislang einzige Reibrad-Laufwerk in der AUDIO-Bestenliste, und zugleich das einzige, das in puncto Gleichlauf und Rumpel zu guten Masselaufwerken aufschließen konnte. Aber damit gab sich Martina Schöner nicht zufrieden. Sondern tunte, verfeinerte, veredelte den 501er immer weiter, fand durch beharrliches, empirisches Arbeiten auch die letzten kritischen Bereiche, die den Spieler klanglich noch bremsen konnten.

Garrard Motor

© Garrard

Der Motor des Transcription Reference bringt mehrere Spezialfirmen in England und Deutschland an ihre Grenzen. Das Tellerlager ist ein Flachlager mit praktisch ewigem Leben.

Sie zu beheben, kostete manchmal gar nichts - wenn es etwa um die Platzierung einer Schraube oder den kostenneutralen Wechsel von einem Material zum anderen ging. Meist ließen sich die gewünschten Verbesserungen aber nur durch komplette Neuanfertigungen erzielen, durch Wechsel von einem Spezialbetrieb zu einem noch spezialisierteren.

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Streng genommen ist der hier vorgestellte Transcription Reference also ein enger Verwandter des vor zehn Jahren getesteten 501, bei dem aber trotzdem kein Teil beim alten geblieben ist. Selbst die meisterlich aus deutschem Nussbaum (oder beliebigen anderen Hölzern nach Absprache mit dem Käufer) geschreinerte Intarsien-Zarge wirkt neben dem Urahnen wie ein Davidoff-Humidor neben einer normalen Zigarrenschachtel.

Stromversorgung

Hinzu kommt eine komplett neukonstruierte Stromversorgung, getrennt wie bereits zuvor in Signalerzeugung und Verstärkung, mit nahezu grenzenlos variabler Drehzahl. Der Motor, der zur Not auch direkt an der Netzspannung läuft, bekommt den benötigten Hochspannungs-Sinus hier also in einem speziellen, rein analogen Generator zunächst aufs Lupenreinste erzeugt und dann von einer hochspannungs-optimierten High-End-Endstufe verstärkt. Alles andere wäre angesichts der fast schon besessenen Sorgfalt, mit der jedes Teil des Motors auf perfekten Rundlauf gebracht wurde, auch eine Verschwendung von Zeit, Mühe und Talent gewesen - vom Geld ganz zu schweigen.

Da das Ziel maximaler Phonoklang ist, hat Schöner auch alle anderen Faktoren nicht dem Zufall überlassen: Der Tisch (wahlweise in Hoch- oder Querformat) wird speziell für den TR angefertigt, ebenso der Tonarm, den Origin Live in England spezifisch für den verwendeten Tonabnehmer konstruiert. Normalerweise handelt es sich bei dem System um ein Lyra Atlas - auch mit Lyra gibt es eine enge Kooperation.

Garrard Drehzahleinstellung

© Garrard

Jede Drehzahl hat ihre eigene Feineinstellung mit jeweils riesigem Verstellbereich. Für Raritätensammler gibt es auf Wunsch auch eine Version mit 16 Umdrehungen – oder jeder beliebigen anderen Exoten-Drehzahl.

Hörtest

Der Transcription Reference spielte im AUDIO-Hörraum an der neuen Harbeth Monitor 40/2 und dem phantastischen Phono-Preamp "Rauschfrei" von Joachim Gerhard, den wir in einem der nächsten Hefte testen werden: Musik, wie wir sie noch nie zuvor von einem Plattenspieler gehört haben: Unglaublich dynamisch, nah und direkt, dabei grenzenlos fein aufgelöst. Man könnte Seiten mit Hörbeispielen füllen, aber die Superlative würden sich nur wiederholen: Keine Platte, die wir hörten, hatten wir je zuvor so gehört. Und noch nie zuvor sah unsere Digitalreferenz, der erhabene Linn Klimax DSM, im Vergleich so blass aus: Wenn selbst ein Klimax keinen Stich macht, macht Digital generell keinen Stich. Der TR kommt der Realität nicht nur näher als bisherige Plattenspieler - er erzeugt mit Vinyl ein musikalisches Paralleluniversum.

Fazit

Im Transcription Reference trifft sich allerfeinste Analogtechnik aus England und Japan, die die technischen Grenzen des Reibradspielers und des MC-Tonabnehmers voll ausreizt - oder besser gesagt sprengt. Für den unvergesslichen Klang des Gesamtspielers sind jedoch nicht nur die technischen Einzelleistungen verantwortlich, sondern deren perfekte, über viele Jahre gereifte Komposition und die Sorgfalt im Aufbau, die L'Art du Son in jedem Einzelfall leistet.

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