Das Smartphone in Zeiten des Klimawandels

Fairphone 3+ im ersten Test: macht vieles richtig

Das Fairphone 3+ ist ab sofort für 469 Euro erhältlich. Es hält der Smartphone-Industrie den Spiegel vor und stellt den Nutzer vor eine schwere Entscheidung. Wir haben es im ersten Test.

© Hersteller

Die Rückseite ist mattschwarz und nicht mehr transparent: Das Fairphone 3+ ist für 469 Euro erhältlich, das 3er wird weiterhin für 419 Euro verkauft.

Pro

  • leicht reparierbar
  • Komponenten lassen sich leicht austauschen/modernisieren
  • austauschbarer Akku
  • nachhaltiges Konzept
  • faire Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette

Contra

  • groß und schwer
  • technisch nicht auf einem Niveau mit anderen Smartphones in dieser Preisklasse
  • veralteter Prozessor

Fazit

Kein anderes Unternehmen produziert Smartphones so ressourcenschonend, nachhaltig und fair. Der Käufer wird damit vor eine schwierige Wahl gestellt: Ist er bereit, zugunsten dieser Faktoren auf die neuesten Technologien und ein frontfüllendes Display-Design zu verzichten?

Die Idee hinter dem Fairphone hat im Angesicht des sich immer stärker abzeichnenden Klimawandels eine enorme Zugkraft: Das Smartphone wird nicht nur möglichst fair und nachhaltig produziert, die Modulbauweise sorgt zudem dafür, dass man es leicht reparieren kann. Einzelne Komponenten lassen sich auf diese Weise sogar modernisieren, sodass man das Basisgerät ein paar Jahre länger nutzen kann.

Dazu passen die neuen Kameramodule des Fairphone 3+, die man auch separat kaufen kann: Eine 48-Megapixel-Hauptoptik und eine 16-Megapixel-Selfie-Kamera. Die bringen eine verbesserte Objektverfolgung, einen schnelleren Autofokus, eine optimierte digitale Bildstabilisierung und natürlich eine erheblich verbesserte Foto- und Videoqualität. Die volle Auflösung von 48 Megapixel lässt sich allerdings nicht ansteuern, per Pixel Binning wird auf 12 Megapixel reduziert. Die Fotos bewegen sich nun auf einem soliden Mittelklasse-Niveau – andere Smartphones in dieser Preisklasse machen bessere, zum Teil deutlich bessere Fotos.

Man kann die Kamerabauteile für 49,95 Euro beziehungsweise 34,95 Euro separat kaufen und damit sein Fairphone 3 aufrüsten, das mit seiner 12-Megapixel-Hauptoptik und seiner 8-Megapixel-Selfie-Kamera nicht mehr ganz up to date ist.

© Hersteller

Das neue Kameramodul für die Hauptkamera knipst mit hochauflösenden 48 Megapixel. Man kann es für 59,99 Euro separat kaufen und so das Fairphone 3 upgraden.

Fairphone spricht beim 3+ auch von einer verbesserten Audioqualität und meint damit das neue Sekundarmikrofon, das ein Bestandteil des Selfie-Kameramodules ist. Es ist also ganz im Sinne der Nachhaltigkeit möglich, ein Fairphone 3 über den Zukauf von Komponenten in ein Modell 3+ zu verwandeln. Das gilt auch für das Betriebssystem: Die Android-Version 10, die bereits auf dem 3+ vorinstalliert ist, soll per Update Mitte September auch auf das Modell 3 kommen.

Fairphone 3+: Technische Daten

  • SoC: Qualcomm Snapdragon 632
  • RAM/Speicher: 4/64 GB; 
  • Display: 5,65 Zoll LCD, 2.160 x 1.080 Pixel, 427 PPI, Seitenverhältnis 18:9
  • Betriebssystem: Android 10
  • Kamera (Rückseite): 48 Megapixel (mit Pixel Binning 12 Megapixel)
  • Frontkamera: 16 Megapixel, Blende F/2.0
  • Video: 4K UHD 30 fps
  • Konnektivität: Bluetooth 5.0, USB-C (2.0), NFC, ac-WiFi, Dual-SIM (nano); Speichererweiterung via micro SD
  • Akku: 3.060 mAh,
  • Größe: 158 x 72 x 10 mm
  • Gewicht: 189 g
  • Farben: schwarz

Die technischen Daten zeigen denn auch, dass abgesehen von der Kamera keine Unterschiede zum 3er bestehen. Bis auf das Design: Der transparente Kunststoff der Rückseite wurde beim 3+ durch mattschwarzes Material ausgetauscht.

Klotzig und robust

Für Technikfans ist der Blick in den Lieferkarton ernüchternd: Das Design und die Haptik mit dem breiten Rahmen ums Display und dem 10 Millimeter dicken Kunststoffgehäuse sorgen nicht gerade für Begeisterungsstürme. Genauso wie die technischen Komponenten, die man getrost als veraltet bezeichnen kann. Aber ein Fairphone kauft niemand, der Wert auf die neuesten Technologien legt. Viel wichtiger für die Zielgruppe sind der austauschbare Akku und die einfache Reparierbarkeit – ein Kreuzschraubenzieher gehört wieder zum Lieferumfang. Das klotzige Gehäuse wirkt zudem außerordentlich stabil. Das sind gute Voraussetzungen für eine lange Nutzungsdauer, die über die in Deutschland typischen 1-2 Jahre hinaus geht.

Kritisch zu hinterfragen ist aber der Prozessor: Der Snapdragon 632 wurde bereits Mitte 2018 vorgestellt, es handelt sich um einen Mittelklasse-Chipsatz mit 8 Kernen und bis zu 1,8 GHz, der das System zwar flüssig darstellen kann, aber mit anspruchsvoller Grafik und intensivem Multitasking überfordert ist.

© connect

Das Fairphone 3+ basiert auf dem Fairphone 3, nur die Kamera wurde stark aufgewertet. Es kostet 469 Euro.

Preise und Verfügbarkeit

Ab sofort kann das Fairphone 3+ zum Preis von 469 Euro über die Fairphone-Webseite sowie online bei den Launch-Partnern Mobilcom-Debitel und Galaxus in Deutschland, Digitec in der Schweiz und Magenta in Österreich vorbestellt werden. Ab dem 14. September 2020 sind die Neuprodukte europaweit erhältlich. Das ältere Fairphone wird weiterhin verkauft, der Preis sinkt aber auf 419 Euro. Die neuen Kameramodule kosten 34,95 (Frontmodul) beziehungsweise 59,95 Euro (Rückkamera). Beide Module lassen sich einfach und bequem tauschen, auch von technisch wenig versierten Menschen.

Nachhaltige Kreislaufwirtschaft

Obwohl die Idee hinter dem Fairphone so attraktiv ist, kämpft das niederländische Unternehmen bisher auf einem einsamen Posten. Denn die Produktzyklen in der Smartphone-Industrie sind kurz, viele Nutzer sind auf der Suche nach den neuesten Features und der besten Kamera und geben ihr Altgerät bereits nach einem Jahr wieder ab. Schätzungsweise 124 Millionen veraltete oder defekte Geräte befinden sich laut aktuellen Hochrechnungen des Bitcom derzeit in bundesdeutschen Schubladen. Das ist das Gegenteil von dem Wirtschaftsmodell, das den Machern des Fairphone vorschwebt: „Wir kommen einer Kreislaufwirtschaft einen ganzen Schritt näher, indem wir die Wiederverwendung und Reparatur unserer Telefone weiterhin verstärkt fördern und es den Benutzern erleichtern, ihre Geräte zu ‚upgraden‘ und somit länger zu nutzen.“, sagt Fairphone-CEO Eva Gouwens.

Faire Arbeitsbedingungen

Auch der zweite Aspekt, auf den Fairphone großen Wert legt, hält der Smartphone-Industrie den Spiegel vor. Es geht um faire Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Lieferkette. Wer ein Fairphone kauft, unterstützt folgende Ziele und Initiativen:

  • Das Sammeln von Elektroschrott in Europa und im Ausland sowie die Beschaffung von Fairtrade-Gold, fairem Kobalt und konfliktfreiem Zinn und Wolfram aus Hochrisikogebieten sowie von recyceltem Kupfer.
  • Verbesserung der Bedingungen in kleinen Kobaltminen in der Demokratischen Republik Kongo sowie in Goldminen in Uganda.
  • Programme für Mitarbeiterzufriedenheit und Boni für existenzsichernde Löhne für Fabrikarbeiter in China.

Fazit: Schwere Entscheidung

Wie sehr die Smartphone-Industrie in einem wenig nachhaltigem Geschäftsmodell verhaftet ist, zeigt die Tatsache, dass es Fairphone trotz jahrelanger Arbeit und Expertise noch nicht gelungen ist, alle Komponenten fair und nachhaltig zu beziehen. Aber man verbessert sich stetig: Während des Gehäuse des Fairphone 3+ zu 40 Prozent aus recyceltem Kunststoff besteht, waren es beim 3er nur 9 Prozent. Kein anderes Unternehmen produziert Smartphones so ressourcenschonend, nachhaltig und fair. Der Käufer wird damit vor eine schwierige Wahl gestellt: Ist er bereit, zugunsten dieser Faktoren auf die neuesten Technologien und ein frontfüllendes Display-Design zu verzichten? Diese unbequeme Frage wird von nun an in regelmäßigen Abständen mit steigender Dringlichkeit gestellt werden müssen.

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