LG dreht das Smartphone quer

LG Wing im Hands-on-Test

Ein drehbares Smartphone mit anderthalb Displays, so kann man das LG Wing am besten beschreiben. Eine verrückte Idee – wird sie Schule machen? Wir haben das LG Wing ausprobiert.

© Hersteller

Das LG Wing ist aus dem "Explorer-Projekt" hervorgegangen, mit dem LG neue Möglichkeiten der Smartphone-Nutzung entwickeln möchte.
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Pro

  • innovative Display-Kombination
  • sehr gute Verarbeitung
  • Popup-Selfie-Kamera

Contra

  • dick und schwer
  • Dual-Display bringt nur in wenigen Szenarien Vorteile
  • SoC und Kamera nicht preisgerecht

Fazit

Man muss LG Respekt zollen für den Mut, einen solchen Formfaktor auszuprobieren. Aber mehr als ein Testballon ist das LG Wing nicht geworden.

Immer wieder hört man Stimmen, die die Eintönigkeit beim Smartphone-Design beklagen: Alle sind barrenförmig, alle sehen vorne gleich aus, es gibt kaum Differenzierungsmerkmale. Und in der Tat: Mehr als 95 Prozent aller Smartphones haben vorne möglichst viel Display, hinten Kunststoff oder Glas und werden zusammengehalten von einem Rahmen aus Metall oder Kunststoff. Viel Spielraum haben die Designer oder Produktentwickler nicht.

Aber dieser Formfaktor ist so erfolgreich, weil er den besten Kompromiss aus Größe und Funktion darstellt. Ein solches Smartphone passt in die meisten Hosentaschen und erlaubt das einhändige Surfen im Internet und das Telefonieren mit einer Hand. Alle, die sich über zu viel Langeweile beklagen, sollten das bedenken – und können gerne eine gute Alternative vorschlagen.

© connect

Verdammt groß: Das LG Wing im Vergleich mit dem Google Pixel 5.

Der T-Faktor

Der koreanische Hersteller LG, der mit seinen Smartphones nur mäßig erfolgreich ist, wagt jetzt einen Vorstoß mit dem LG Wing. Dessen Haupt-Display, ein 6,8 Zoll großes OLED, kann man um 90 Grad drehen, so dass darunter ein zweites 3,9 Zoll großes Display auftaucht.

Beide Bildschirme stehen T-förmig aufeinander. Auf dem zweiten Display werden Zusatzelemente angezeigt, zum Beispiel die Media Controller zu einem Video. Auch das parallele Nutzen von zwei Apps ist möglich.

Praktisch ist zudem die Möglichkeit, hier die Tastatur einzublenden. Mit 3,9 Zoll ist der Screen groß genug, um alle Buchstaben beziehungsweise Bedienelemente in einer komfortablen Größe anzuzeigen.

Gut gefallen hat uns zudem das leuchtstarke Hauptdisplay, das nicht von einer Notch oder einem schwarzen Punkt unterbrochen wird, weil LG die Selfie-Kamera ausfahrbar im Rahmen versenkt.

Exzellente Verarbeitung

Zunächst einmal fällt die robuste Bauweise auf. Der Drehmechanismus macht einen sehr stabilen Eindruck, die Rotation erfolgt mit einem genau richtig kalkulierten Widerstand, im Querformat sitzt das Display wackelfrei. Ein Teardown-Video von Jerry Rig zeigt im Detail, welche hohe Ingenieurskunst hinter dem Drehmechanismus steckt.

Kurz und gut: Von Außen betrachtet gibt es nichts zu meckern, die Koreaner liefern hier das gewohnt hohe Niveau ab. Eine IP-Zertifizierung fehlt zwar, angesichts der beweglichen Mechanik des Korpus haben wir aber auch nicht damit gerechnet – beides verträgt sich beim aktuellen Stand der Technik leider nicht miteinander.

Das Dual-Display in der Praxis

Entscheidend ist nun die Frage: Bringt das Dual-Display etwas? Die Antwort lautet klar: Ja. Natürlich hat es Vorteile, wenn die Buttons für die Youtube-Steuerung permanent eingeblendet werden, während das Video im Vollbild läuft. Natürlich hat es Vorteile, wenn Asphalt 9 auf dem Hauptbildschirm läuft, während auf dem Zweitdisplay eine Streckenkarte (oder andere Elemente des Spiels) einblendet wird.

Aber bereits der WhatsApp-Chat, bei dem die Ansicht geteilt ist in eine viel zu breit gezogene Chatansicht (oben) und die Tastatur (unten) macht deutlich, wie überschaubar solche Anwendungszenarien sind.

Die meisten Apps sind für das Hochformat optimiert und funktionieren dort am besten. Video und Gaming sind die bevorzugten Anwendungsbereiche für das Querformat – rechtfertigen diese die Nachteile, die mit einer solchen Doppel-Display-Konstruktion verbunden sind?

Das LG Wing ist 11 Millimeter dick und mit 262 Gramm ein absolutes Schwergewicht. Ein normales Highend-Smartphone mit einer vergleichbaren Display-Diagonale ist spürbar leichter und kleiner, zum Beispiel das Oneplus 8 Pro mit 8 Millimeter und 200 Gramm.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Drittanbieter-Apps das Dual-Display nicht unterstützen - Youtube und Asphalt 9 sind mehr als Ausnahmen denn als Regel zu betrachten.

Multitasking ist ein weiteres Anwendungsbeispiel für das T-Display. Dafür hat LG extra die Möglichkeit implementiert, zwei Apps parallel zu starten („Multi App Shortcut“). Aber auch hier stellt sich die Frage: In welchen Situationen braucht man eine solche Anordnung? Oben der Browser, unten der WhatsApp-Chat? Oben Twitter, unten Google Maps? Kaum jemand nutzt so sein Smartphone. Diese Szenarien werden gerne von den Herstellern entworfen, gehen aber am Alltag der meisten Nutzer vorbei.

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Über "Multi App Shortcut" kann man App-Paare bestimmen, die dann unabhängig voneinander auf den zwei Bildschirmen laufen.

Gimbal-Modus im Querformat

Auch die Kamera hat uns nicht überzeugt. Zwei Brennweiten (Weitwinkel und Ultra-Weitwinkel) sind zu wenig angesichts eines Preisschildes von über 1.000 Euro. Die Fotoqualität ist nur bei guten Lichtverhältnissen sehr gut, wenn es dunkler wird, erreicht das Wing nicht das in dieser Preisklasse übliche Niveau.

Die dritte Optik dient ausschließlich für Videos und LG wirbt damit, dass sie wie ein Gimbal Verwackler besonders gut ausgleichen kann. Dieser Gimbal-Video-Modus wird aktiviert, wenn man im Kameramodus das Display dreht – unten erscheinen dann die Bedienelemente, während man oben die Vorschau hat und sehr bequem einhändig Videos im Querformat drehen kann.

Verwackler werden außerordentlich gut ausgeglichen, qualitativ (Schärfe, Fokus-Geschwindigkeit) wird allerdings Mittelmaß geboten. Das ist auch kein Wunder, denn LG gleicht die Verwackler nicht über eine mechanische Stabilisierung der Optik aus (so wie Vivo beim X51), sondern über Cropping auf dem Sensor, was bedeutet: Im Gimbal-Modus sind maximal 1.080p mit 30 fps möglich. 4K schafft das Wing „nur“ im normalen Videomodus, die Qualität bewegt sich dann im guten Mittelfeld.

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Praktisch: Bei Youtube werden die Bedienelemente unten eingeblendet.

Kein Performance-Monster

LG setzt auf Qualcomms erfolgreiche Snapdragon-Plattform 765G, die in der gehobenen Mittelklasse angesiedelt ist und viele aktuelle Top-Phones befeuert, etwa Oppos Reno 4 Pro oder Vivos X51. Dieses SoC liefert genug Power, auch für anspruchsvolle 3D-Spiele, aber sie liefert nicht die gleiche Performance wie die 865er Serie.

In Anbetracht des Preisschildes von über 1.000 Euro und der besonderen Anforderung, die mit dem Ansteuern von 2 separaten Display verbunden sind, hätten wir uns diese Plattform für das Wing gewünscht. Auf eine Drehung des Hauptdisplays reagiert das Phone denn auch mit einer minimalen Verzögerung.

Fazit: Danke, nächster Versuch

Man muss LG Respekt zollen für den Mut, einen solchen Formfaktor auszuprobieren. Aber mehr als ein Testballon ist das LG Wing nicht geworden. Das Dual-Display bringt nur in wenigen Anwendungsszenarien Vorteile – zu wenigen für ein 1.000-Euro-Smartphone, das darüber hinaus nicht preisgerecht ausgestattet ist.

Wir schließen daher mit einem Kommentar von „Jack Broker“, den man unter dem sehenswerten Youtube-Review von SwagTab findet: „Braucht halt niemand, aber trotzdem interessant“

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In der Kameravorschau wird der Gimbal-Modus aktiviert, wenn man das Display quer dreht.

LG Wing: Technische Daten

  • Display: 6,8 Zoll, 20,5:9 FHD+ P-OLED (2.460 x 1.080 / 395 ppi); 3,9 Zoll, 1:1,15 G-OLED (1.240 x 1.080 / 419 ppi)
  • Kamera:
    • Rückseite: 64 MP Standard (F1.8 / 0.8μm / 78˚) / 13 MP Weitwinkel-Kamera (F1.9 / 1,0μm / 117˚) / 12 MP Gimbal Motion Kamera (F2.2 / 1,4μm / 120˚)
    • Frontkamera: 32 MP Pop-Up Kamera (F1.9 / 0,8μm / 79,6˚)
  • Betriebssystem: Android 10
  • Batterie: 4.000 mAh
  • Speicher: 8 GB RAM / 128 GB ROM (erweiterbar mit microSD-Karte bis 2 TB)
  • Chipset: Qualcomm Snapdragon 765G 5G Mobile (SM7250-AB), 2,3 GHz Octa-Core
  • Netzwerk: 5G / LTE (4G); Dual-SIM
  • Konnektivität: Wi-Fi 802.11 a/b/g/n/ac oder 5 GHz / Bluetooth 5.1 / NFC / USB Type-C (USB 3.1 kompatibel)
  • Größe: 169,50 x 74,50 x 10,90 mm
  • Gewicht: 262 g
  • Biometrie: Fingerabdrucksensor im Display
  • LG Creator’s Kit: 4K@60fps Videoaufnahme (Standard Kamera), ASMR, Stimmen-Bokeh, Zeitrafferkontrolle, AI Nacht-Modus, Steady-CAM, Cartoon-Sketch
  • Sonstiges: AI Kamera / Google Lens / LG 3D Sound System / wasserabweisende Beschichtung / Qualcomm Quick Charge 4.0+ Technologie / Schnellladefunktion bis 25W / kabelloses Laden bis 12W / US-MIL-STD 810G 9 bestandene Tests
  • Farben: Aurora Grau, Illusion Sky

LG Wing: Preis und Verfügbarkeit

Das LG Wing ist seit November 2020 in den Farben Aurora Grau und Illusion Sky erhältlich. Der Preis liegt bei 1.099 Euro.

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